Das war gut!

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Der emsige Frank, während des Gruppenfotos noch beim Sammeln weiterer O-Töne…


Vielen Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Medienworkshop. Die Ergebnisse können sich sehen lassen – und hier für die Zukunft verewigt bleiben. Ein paar Feinschliffe, Ergänzungen etc. folgen die Tage noch. Aber nun erstmal: Auf ein baldiges Wiedersehen!
Gruppenfoto

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„Europa tickt in zwei Geschwindigkeiten“

Deutschland ist schön. „Abgesehen vielleicht vom Wetter“, schränkt Ramon Martinez sein Urteil dann doch ein. Die Reaktionen seiner Kollegen, es gäbe Länder mit härteren Wintern und weniger Sonnenschein, versöhnen den jungen Spanier wieder mit der Wahlheimat. Seit fünf Jahren lebt Ramon in Nordrhein-Westfalen, nachdem er in Spanien zuletzt gar nichts mehr fand: keinen Job, keine Wohnung, keine Hoffnung.

Ramons langer Weg zum festen Job:

In Sinzig, einer Gemeinde im Süden Bonns, ist Ramon Martinez als Jugendarbeiter im „Haus der offenen Tür“ angestellt. “ Ihm bot sich ein Ausweg, denn Spanien ist aktuell das europäische Land mit der höchsten Jugendarbeitskosigkeit. 60 Prozent der jungen Menschen unter 25 Jahren sind dort ohne Job, sagen die Statistiken. Ramon sagt: „Es sind viel mehr. Wer kann, verlässt das Land.“ So wie er. Dafür hat der 26-Jährige „meinen Stolz geschluckt und meine Eltern um Geld gebeten“.

Pinelopi Kafetzidaki (27) lebt in Athen. Trotz Uni-Diplom im Fach Inernationale Beziehungen und vier Fremdsprachen, welche die junge Griechin beherrscht, hangelt sich Pinelopi von Werksvertrag zu Werksvertrag. Ihr jüngster Arbeitgeber ist immerhin das Auswärtige Amt, Abteilung Jugendpolitik. Pinelopi wirbt für das Programm „Youth in Action“ (Jugend in Bewegung), das Jugendarbeiter vor Ort stärkt. „Für mich macht es mehr Sinn, in meiner Heimat zu bleiben und dafür zu sorgen, dass Informationen und Hilfen wirklich bei den Jugendlichen ankommen. Wir haben ein massives Kommunikationsdefizit“, erklärt Pinelopi kämpferisch. Die griechische Isolation in Europa gründe sich auch darauf, „genauso wie die Gefahr, dass das Europa der Zukunft in zwei Geschwindigkeiten tickt.“ Der Norden gebe das Tempo vor, der Süden hinke hinterher.

„Griechenlands Problem ist ein ideologisches“, findet Liliana Lopes, Sozialtrainerin aus Porto. „In Portugal haben wir ein systemisches Defizit: Bildungsabschlüsse oder Qualifikationen werden überhaupt nicht wertgeschätzt.“ Die Folge: Zahlreiche junge Portugiesen arbeiten ohne Bezahlung. Die Bereitschaft zum Bewerben sinkt beständig. Liliana kritisiert Regierung und Wirtschaft ihres Landes dafür, „dass sie Jugendlichen einreden, sie seien selbst nach einem Hochschulstudium nicht qualifiziert genug für den Arbeitsmarkt und müssten sich deshalb von Praktikum zu Praktikum hangeln.“

Michela Moschetto: "Ich lerne gerne dazu. Aber es ist doch nicht vermessen, für Arbeit Lohn zu bekommen, oder?"

Michela Moschetto: „Ich lerne gerne dazu. Aber es ist doch nicht vermessen, für Arbeit bezahlt zu werden, oder?“

Ein solches, unbezahltes Praktikum, bekam auch Michela Moschetto angeboten, als sie nach Abschluss ihres Ethnologie-Studiums auf Jobsuche war. „Ich habe abgelehnt“, erzählt die 28-jährige Turinerin. „Ich lerne gerne dazu, aber es ist doch nicht vermessen, für Arbeit bezahlt zu werden, oder?“ Offenbar doch, denn die Zahl junger Italiener, die trotz Diplom mit Praktika abgespeist werden – und mit der Hoffnung, irgendwann unter Vertrag genommen zu werden – steigt. Die Regierung sieht weg, immerhin ist jeder junge Mensch im Praktikum einer weniger, der in der Arbeitslosenstatistik auftaucht. Und die liegt in Italien bei 50 Prozent.
Michela Moschetto hingegen packte ihre Koffer. Mittlerweile arbeitet sie in Leipzig – mit einem befristeten Vertrag. Und vermisst Turin. „Aber in Deutschland arbeitslos zu werden, ist immer noch besser als in Italien. Daheim gibt es weniger Hoffnung.“

Jung. Europäisch. Arbeitlos: Jugendliche diskutieren, woran es auf dem Arbeitsmarkt ihrer Heimatländer hapert.

Jung. Europäisch. Arbeitlos: Jugendliche diskutieren, woran es auf dem Arbeitsmarkt ihrer Heimatländer hapert.

Revolution zum Selbermachen

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„Der Arabische Frühling als Vorbild für den Westen“: Hicham Houdaïfa

Nur einmal lächelt der marokkanische Journalist Hicham Houdaïfa. „Es ist das erste Mal, dass wir Vorbild für den Norden der Welt sind“, sagt er.  Der Arabische Frühling gilt als Anstoß für die Proteste an der Wall Street, in Südeuropa und sogar in Deutschland. „Sonst haben wir immer auf den Norden gewartet.“ Auch wenn es nicht die gleichen Motive seien, zumindest die Erfahrungen könne die Jugend teilen.

Der Arabische Frühling als Exportschlager? Auf dem Jugendkongress „Building Tomorrow’s Europe“ wollten die Veranstalter in einem Workshop mit Houdaïfa genau das wissen. Die Erkenntnis: Eine Beteiligung der Jugend lässt sich nicht erzwingen und nur in Maßen organisieren. „Jede Jugendbewegung ist eine Do-it-yourself Mobilisierung“, sagt Cristina Flesher Fominaya, die an der Universität Aberdeen zu sozialen Bewegungen forscht.

Bei den Protesten in Spanien hätten Parteien und andere Organisation immer wieder versucht die Proteste zu kapern – vergeblich. „Niemand unter den Jugendlichen will sich sagen lassen, was er machen soll,“ so die Erkenntnisse der Forscherin. In ihrer Community sei so ein autonomes Jugendzentrum entstanden. Jede junge Generation hat  ihre eigene Vorstellung von einer Revolution. Vielleicht stimmt es auch, was der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit schon zu Beginn des Kongresses sagte: „Es ist heute viel schwieriger jung zu sein.“

Die Quadratur des Kreises?

Workshop: Soll Jugendarbeit formalisiert werden?

 

Kein Bereich innerhalb der Jugendhilfe steht exemplarischer für den Aspekt der non-formalen und informellen Bildung junger Menschen.

Erste Überlegungen hinsichtlich der Anerkennung non-formaler Bildung als Prozess liegen bereits 15 Jahre zurück. Mit dem Arbeitspapier „Pathways 2.0 – Wege zur Anerkennung von nicht formalem Lernen/nicht formaler Bildung und Jugendarbeit in Europa“, das in Partnerschaft zwischen der Europäischen Kommission und dem Europarat im Jugendbereich erarbeitet und 2012 veröffentlicht wurde, liegen nunmehr konkrete Vorschläge zur Validierung von Ergebnissen des non-formalen Lernens vor. Mithin sollte korrekterweise mit Blick auf den Workshoptitel die Fragestellung lauten: „Sollen die Eigenschaften und Kompetenzen junger Menschen formalisiert werden?“

Eine Überprüfung, Bewertung und Einordnung von Bildungserfolgen im Kontext von Jugendarbeit klingt jedoch zunächst wie eine Paradoxie, geht es hierbei doch um die Formalisierung eines seinem Wesen nach nichtformalen Systems. Diese Besonderheit würdigt auch das erwähnte Arbeitspapier, in dem es an prominenter Stelle sinngemäß heißt: Es ist in der Jugendarbeit nicht alles einem messbaren Ergebnis zuführbar. 

Sicher, die Jugendarbeit steht zunehmend unter Legitimationsdruck. Die Konzepte und Methoden der Jugendarbeit zielen eben nicht zuvorderst auf eine Vorbereitung junger Menschen auf den Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt. Dies jedoch ist der momentan präferierte politische Fokus in Zeiten teils drastischer Jugendarbeitslosigkeit in vielen Staaten der EU. Vielmehr ist es Aufgabe der Jugendarbeit, einen Möglichkeitsraum für junge Menschen zu schaffen, in dem sich fernab eines Leistungsprinzips ausprobiert werden kann. Ausprobieren bedeutet immer auch ein Pendeln um ein vermeintliches Ideal. Dazu gehört auch, Fehler machen zu können und sanktionsfrei aus diesen lernen zu können. „Fehler machen in der persönlichen Entwicklung ist ganz normal. Wann sollte man seine größten Fehler machen (dürfen), wenn nicht mit 20?“, fragte Jean-Philippe Restoueix, tätig in der Generaldirektion IV Bildung, Kultur und Kulturerbe, Jugend und Sport des Europarats und einer der Referenten des Workshops. „(…) to fuck up is a part of the job!“ fasste es ein Workshopteilnehmer, Leiter einer Jugendeinrichtung in Rotterdam, noch ein wenig prägnanter zusammen.

Nun wird die Debatte um diese Frage deshalb kontrovers geführt, da es wohl auch gewichtige Argumente für eine Formalisierung innerhalb der Jugendarbeit gibt.

Es "jagten" sich eine spannende Argumentationskette nach der anderen ...

Es „jagten“ sich eine spannende Argumentationskette nach der anderen …

Auch die Konzepte der Jugendarbeit bewegen sich nicht im theoriefreien Raum. Selbstverständlich gibt es etablierte Standards, nach denen in diesem Bereich gearbeitet wird. Genau betrachtet ist dies bereits eine formale Komponente. Gelänge es nun, adäquate Standards der Validierung von Lernergebnissen informeller Art zu erarbeiten, bestünde hier die Möglichkeit einer Qualitätssicherung, die in diesem Maß wohl derzeit nicht gegeben ist. Auch geht mit einer Messbarkeit von Lernergebnissen und deren potentieller Vergleichbarkeit eine Wertzuschreibung einher – ein Argument mit gewisser Tragweite in Zeiten, in denen eine Tendenz zur Ökonomisierung annähernd jedes Lebensbereiches feststellbar ist. Doch, so warnte Prof. Dr. Peter Dehnbostel, u. a. Inhaber des Lehrstuhls für Betriebliches Bildungsmanagement an der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW) Berlin und ebenfalls Referent des Workshops, muss von Beginn an klar sein, dass sich der zu entwickelnde formale Rahmen an ein entwicklungsorientiertes Paradigma anlehnt und sich nicht etwa an Anforderungskriterien der Wirtschaft orientiert.

Wenn es schon sein muss – so gilt es sich abschließend zu fragen – dass erst durch Mess- und Vergleichbarkeit einem Lebensaspekt ein ökonomischer Wert zugeschrieben wird: Warum sollte der non-formalen Bildung diese Anerkennung verwehrt bleiben?

Mehr Europa, mehr Perspektive

Ein Vortrag von Ministerin Angelica Schwall-Düren

Zurzeit viel unterwegs im Rahmen der Europa-Wochen. Besonders am Herzen liegen ihr dabei Jugend-Projekte.

Zurzeit viel unterwegs im Rahmen der Europa-Wochen. Besonders am Herzen liegen ihr dabei Jugend-Projekte.

Den ersten Vortrag am zweiten Kongresstag zu halten ist keine dankbare Aufgabe. Die rauschende Geburtstagsfeier vom Vorabend ist einigen Besuchern morgens um 9 Uhr noch deutlich anzusehen. Trotzdem schafft es die Ministerin, ihr Publikum zu halten. Für Angelica Schwall-Düren ist der Vortrag in Bonn gleich in mehrfacher Hinsicht ein Heimspiel. Sie kennt den Plenarsaal im Deutschen Bundestag noch von früher und sie gehörte zu den Pionieren des Deutsch-Französischen Jugendaustauschs. Bereits 1963 reiste sie mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk in Frankreich, ein prägendes Erlebnis für die Jugendliche Angelica Düren und der Grundstein für ihre anhaltende Europa-Begeisterung.

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„Wir brauchen mehr Europa.“

Europa für alle
Sie selbst erlebte in Frankreich noch die Stimmung der Nachkriegszeit, die Jugendlichen von Heute sehen ein Europa in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Auch und gerade bei der hohen Jugendarbeitslosigkeit in vielen europäischen Ländern und der Sorge um die berufliche Zukunft müsse für alle Jugendlichen die Möglichkeit geschaffen werden, ins europäische Ausland zu reisen. Und dafür braucht Europa Programme und engagierte Partner. Auslandserfahrung dürfe nicht das Privileg von Jugendlichen sein, deren Eltern einen Austausch privat finanzieren können. „Jugendliche müssen sich mit Europa identifizieren,“ so Schwall-Düren, die in der Europa-Skepsis krisengeschüttelter EU-Staaten eine nicht unbedeutende Gefahr sieht. „Wir brauchen nicht weniger Europa, sondern mehr Europa.“ Das bedeutet für die Ministerin auch, dass Sicherheiten geschaffen werden müssen. Mit Blick auf die von Arbeitslosigkeit bedrohten Jugendlichen muss in ihren Augen eine EU-weite Arbeitslosenversicherung angegangen werden, zudem brauche es einen am Standard des einzelnen Landes orientierten Mindestlohn. „Man kann die Jugendlichen nicht ins Boot holen, wenn man ihnen keine Perspektive bietet.“ Einen Rückzug auf den „kuscheligen Nationalstaat,“ so die Ministerin, wird es nicht geben. Ganz davon abgesehen, dass dieser Zustand so „kuschelig“ auch gar nicht war. Was die Europa-Orientierung der Jugend betrifft, ist die Ministerin optimistisch. „Ich erlebe mehr und mehr, dass Jugendliche sich als Europäer verstehen. Die wollen nicht zurück und sie verstehen auch, dass das nicht geht.“

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Morgens um 9 in Europa

Jugendliche abholen
Am Dialog zwischen Politik und Jugend allerdings sieht die Ministerin noch deutlichen Nachholbedarf, sowohl was die Intensität, als auch was die Form betrifft. „Wenn wir Jugendliche einladen, sich mit uns zu unterhalten, können wir das vergessen. Die finden uns und unsere Kommunikationsformen einfach langweilig.“ Die Lösung des Kommunikationsproblems sieht Angelica Schwall-Düren vor allem in der Hol-Schuld der Politiker. „Wenn ich ehrlich und bereit bin, mich auf die Jugendlichen einzulassen, dann kommen die auch. Dafür muss ich aber auch andere Kommunikationsformen wählen,“ Austausch über Social Media zum Beispiel und natürlich alle möglichen Formen der europäischen Jugendarbeit.

Vortrag wird zur Comedy Show

Dr. Vincenzo Cicchelli referiert zum Thema: Der kosmopolitische Geist. Bildungsreise der Jugend in Europa

Dr. Vincenzo Cicchelli referiert zum Thema: Der kosmopolitische Geist. Bildungsreise der Jugend in Europa

Dr. Vicenzo Cicchelli, ein Italiener durch und durch, erheiterte am Mittwochmorgen durch seine lockere und entspannte Art und Weise die Zuhörer im Plenarsaal. Er referierte zum Thema, „Der kosmopolitische Geist – Entfaltungschancen junger Menschen in Europa“. Der Vortrag beschäftigte sich hauptsächlich mit seinem Buch, „Der kosmopolitische Geist. Bildungsreise der Jugend in Europa“. Prägend für die Atmosphäre war die Tatsache, dass bei der vorbereiteten Präsentation immer wieder Teile übersprungen wurden, da, wie er selbst behauptet, der Rest nicht so wichtig sei.

Um in das Thema einzusteigen, setzte er sich mit vier Themenschwerpunkten („Was bedeutet Weltoffenheit“, „Mobilität in Europa“, „Kosmopolitische Bildung“ und „Europäische Identität“) auseinander. Er stellte fest, dass wir keine europäische Identität haben und dies zu einem Problem werden könnte. „Entweder halten wir zusammen oder wir gehen für immer getrennte Wege.“ Das jeder sein eigenes Land vertritt, sagte er, ist nicht verwerflich, es ist sogar ein Start in die richtige Richtung. „Natürlich, gibt es ganz klare Unterschiede zwischen den Kulturen und den ethnischen Einstellungen aber aus einem entfernteren Blickwinkel sind wir doch EIN Europa und alle gleich.“

Andreas Korn im Gespräch mit Dr. Vincenzo Cicchelli

Andreas Korn im Gespräch mit Dr. Vincenzo Cicchelli

Schlussendlich kann man festhalten, dass Herr Cicchelli jedem empfiehlt, durch Europa zu reisen und selbst zu erfahren, dass wir alle zumindest ähnlich sind und dass das der Schritt hin zu einer europäischen Identität ist. Wir müssen Europa selbst erfahren, denn „in der Schule, der Universität und in den Medien, kann uns niemand ein richtiges, umfassendes Bild von Europa vermitteln.“

Zum Ende hin entwickelte sich die Fragerunde mit Moderator Andreas Korn eher zu einer Comedy-Show als zu einer ernsthaften Frage-Antwort-Situation. Grund hierfür waren Sprachbarrieren, die überwunden werden mussten und die zumeist platten Antworten und Aussagen von Cicchelli . Das Publikum ging im Anschluss auf jeden Fall erheitert in die erste Workshopphase am Mittwochmorgen.

Durch Jugendarbeit schrumpft Schwarzes Loch

Der Kongress richtet sich vor allem an sie: Sozialarbeiter, Pädagogen, Streetworker und Ausbilder kommen in Bonn zusammen und diskutieren über „Building Tomorrow’s Europe“: Wie muss der Staatenbund in Zukunft aussehen, um Jugendlichen Wege zu eröffnen und Horizonte zu erweitern? Die Kongressteilnehmer wissen, wie es aktuell um die Chancen junger Europäer steht.
Der Austausch mit Politikern und Verantwortungsträgern ist begrenzt, weil die Theoretiker entweder nicht lange genug vor Ort sind oder Schwächen offenbaren wenn sie konstruktiv werden sollen. An der Schnittstelle zwischen Politik und Praxis klafft noch ein Schwarzes Loch. Ein Szenario, das die Jugendarbeiter kennen – das sie aber nicht länger hinnehmen wollen:

Eine Million Freiwillige

„Wir sind gegangen von Träumen zu Träumen“, hatte Daniel Cohn-Bendit die Konferenzteilnehmer auf seine neueste Initiative eingestimmt. Und in der Tat scheint seine neueste Vision einer „europäischen Bürgergesellschaft“ in weiter Ferne zu liegen. Aber wie sehr dieser Traum in der deutschen und internationalen Jugendhilfeszene schon jetzt auf offene Ohren stößt, zeigte sich in vielen kleinen Gesprächen am Rande der Konferenz und in einem speziell darauf zugeschnittenen Workshop.

„Wir sind Europa! Manifest zur Neugründung Europas von unten“ haben Cohn-Bendit und sein Co-Autor Ulrich Beck ihr Papier genannt, das langsam aber sicher erste Schritte zur Umsetzung erfährt. Maßgeblich trägt dazu auch die Zusammenarbeit mit der Allianz Kulturstiftung bei. Deren Geschäftsführer Michael Thoss erklärte, warum eine neue Bürgerbewegung überhaupt nötig ist. Die Energie der „Wutbewegungen“, die aus der europäischen Finanzkrise entstanden sind, soll in aktives Handeln umgesetzt werden. Vor allem die bislang unterrepräsentierte Zielgruppe der „benachteiligten Jugendlichen“ wollen die Autoren des Manifests für Europa begeistern. Das Zauberwort „eine Million Freiwillige pro Jahr“ macht die Runde.

Knackpunkt Geld
Zu dieser Vision kann Pascal Lejeune mit dem einen Mundwinkel herzhaft lächeln. Denn als zuständiger Referatsleiter der EU-Kommission in Brüssel träumt er von solchen Zahlen. Auf der anderen Mundseite macht sich allerdings ein Trauerausdruck breit: „Woher sollen wir das Geld dafür nehmen?“ fragte er. Schon jetzt seien mit jährlich 10.000 Freiwilligen die finanziellen Möglichkeiten ausgeschöpft. Hier tritt wieder die Allianz Kulturstiftung auf den Plan, die ihr gewichtiges Wort in der deutschen Stifterszene einbringen will und einen Förderantrag an die EU vorbereitet.

Pascal Lejeune leitet das Referat für die Umsetzung des Programms JUGEND IN AKTION bei der Europäischen Kommission

Pascal Lejeune leitet das Referat für die Umsetzung des Programms JUGEND IN AKTION bei der Europäischen Kommission

Man ist sich einig in Brüssel und in der Jugendhilfeszene, dass die Vision der Bürgerbewegung von unten die europäische Idee mit unglaublichem Schwung beleben würde. Und machbar ist sie nach Cohn-Bendits Ansicht allemal. Warum sollte auch ein Taxifahrer aus Deutschland nicht in Lissabon Taxi fahren können – „mit einem Navi finden sich solche Profis überall zurecht.“ So einfach ist das mit Europa. Sagt’s und hat die Vision von Menschen aller Länder und aller Bevölkerungsschichten, die sich quer über den Kontinent engagieren, sich kennen und lieben lernen, die heiraten und Kinder bekommen und so das kleinteilige Nationalstaatendenken überwinden.

Denn auch dies ist klar: Im weltweiten Kontext wird in 30 oder 50 Jahren niemand mehr von Belgien, Ungarn oder Deutschland sprechen. Wenn die Länder des Kontinents ernst genommen werden wollen, müssen sie mit einer Stimme sprechen. Besser, man fängt heute schon damit an. Das Manifest sollte zur Pflichtlektüre werden in Amtsstuben, Klassenzimmern, Parteizentralen – und natürlich in jedem Taxi Europas.

Den Aufruf zur Unterstützung kann man unterschreiben unter http://manifest-europa.eu/